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Fall Claas Relotius: SPIEGEL gibt intern Betrug bekannt





Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen Pracht und Elend im Leben von Claas Relotius sehr nahe. Es ist Montag vor drei Wochen, am 3. Dezember, abends Relotius, seit sieben Jahren SPIEGEL-Mitarbeiter, anderthalb Jahre SPIEGEL-Redakteur, rief in Berlin auf einer Bühne an. Nach Meinung der Jury des German Reporter Award 2018 schrieb er erneut die beste Reportage des Jahres, diesmal über einen syrischen Jungen, der in dem Glauben lebt, er sei in einen Bürgerkrieg im Land verwickelt. Die Juroren erkennen einen Text "von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz an, der niemals offen lässt, welchen Quellen er zugrunde liegt." Aber in Wahrheit ist das, was derzeit niemand wissen kann, leider alles offen. Alle Quellen sind dunkel. Viel ist gut gedacht, erfunden, gelogen. Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fälschung.

Die elende Seite im Leben von Claas Relotius dokumentiert eine E-Mail, die zufällig am 3. Dezember 1

7 Stunden vor der Preisverleihung in Berlin um 3:05 Uhr in der deutschen Nacht ankommt. Ein "Jan" kommt, kurz für: Janet, sie macht die Pressearbeit für eine Vigilante in Arizona, die an der Grenze mit der mexikanischen Patrouille alleine unterwegs ist. Sie fragt Relotius, der vor zwei Wochen in der dunkel schillernden SPIEGEL-Reportage "Jaegers border" über diesen Vigilanten geschrieben hatte. Wie kommt das? Wie konnte Relotius Artikel über ihre Gruppe schreiben, ohne für ein Interview vorbeizukommen? Und dass es für sie sehr seltsam erscheint, dass ein Journalist Geschichten schreibt, ohne an Ort und Stelle Fakten zu sammeln.

Bei "Jaegers Grenze" wird Relotius scheitern. Es ist der eine falsche Text zu viel, weil er diesmal einen Co-Autor hat, der seinen "Unsinn" nicht mitmacht, der Alarm schlägt und bald Fakten gegen die Fiktionen sammelt. Juan Moreno ist dieser Co-Autor, seit 2007 als Reporter für SPIEGEL auf der ganzen Welt. Im Streit mit und über Relotius riskierte Moreno seinen eigenen Job, während er den Kollegen verzweifelt hinterher auf eigene Kosten recherchiert. Drei oder vier Wochen lang geht Moreno durch die Hölle, weil seine Kollegen und Vorgesetzten in Hamburg seinen Anschuldigungen zunächst nicht trauen können. Relotius? Ein Fälscher? Der bescheidene Claas? Von allen Dingen?

SPIEGEL hält es für möglich, dass Moreno Ende November und Anfang Dezember der wahre Schuft in diesem Spiel ist und Relotius Opfer einer Verleumdung ist. Geschickt pariert Relotius alle Angriffe, alles gut recherchierte Beweise für Moreno. Immer wieder findet er Mittel, um Zweifel zu säen, Anschuldigungen plausibel zu widerlegen und die Wahrheit mit allen Mitteln zu seinen Gunsten zu verdrehen. Bis es nicht mehr klappt. Bis er endlich nicht schlafen kann, gejagt von der Angst vor Entdeckung. Relotius bricht letzte Woche zusammen, als sein Vorgesetzter Özlem Gezer, Vizepräsident der Unternehmensabteilung von SPIEGEL, ihn herausfordert und ihm sagt, dass sie ihm nicht mehr glaubt. Am Donnerstag setzt er sich mit seinen Abteilungsleitern zusammen, mit einem Chefredakteur und macht einen sauberen Job oder zumindest das, was er denkt.

Claas Relotius, 33, einer der prominentesten Autoren des SPIEGEL, eines mehrfach preisgekrönten Autors, eines journalistischen Idols seiner Generation, ist kein Reporter, sondern erzählt gut gemachte Märchen, wann immer er möchte. Wahrheit und Lüge sind in seinen Texten verwirrt, weil einige Geschichten reinen Nachforschungen und Fälschungen enthalten, andere vollständig erfunden sind und andere zumindest mit Zitaten und anderen sachlichen Fantasien gepimpt sind. Bei seinem Geständnis am Donnerstag sagte Relotius buchstäblich: "Es ging nicht um das nächste große Ding, es war die Angst vor dem Scheitern." Und "Mein Druck, nicht zu scheitern, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde."

Die rohen Potpourris, die nach meisterhaften Berichten aussahen, machten ihn zu einem der erfolgreichsten Journalisten dieser Jahre. Sie haben vier deutsche Reporterpreise für Claas Relotius erhalten, den Peter-Scholl-Latour-Preis, den Konrad-Duden-Preis, die Kindernothilfe, den Katholischen und den Coburger Medienpreis. Er wurde zum CNN "Journalist des Jahres" ernannt, mit dem Reemtsma Liberty Award, dem Europäischen Pressepreis ausgezeichnet, war auf der Forbes-Liste von "30 unter 30 – Europa: Medien" – und man fragt sich, wie er aushalten kann die Laudatore der Laudatoren, ohne in Schande aus dem Saal zu rennen.

Diese Offenbarung, die einer Eigenwerbung gleichkommt, ist für SPIEGEL, für seine Redakteure, seine Dokumentationsabteilung, seinen Herausgeber, für alle Angestellten einen Schock. Die Kollegen sind zutiefst geschockt. Im Flur in der neunten Etage des SPIEGEL-Hauses, in dem Relotius & # 39; Zimmer befand sich zwischen 09 und 161, die Mitarbeiter und das Management der Unternehmensabteilung, in der er arbeitete, waren fassungslos und traurig. Ein Kollege, der viel mit Relotius zu tun hatte & # 39; Texte sagten Anfang dieser Woche, dass sich die Affäre "wie ein Trauerfall in der Familie" anfühlt.

Die Tatsache, dass Relotius die über Jahrzehnte von Spiegel aufgebaute Qualitätssicherungsschleife durchlaufen konnte, ist besonders schmerzhaft und wirft Fragen für die interne Organisation auf, die sofort angegangen werden müssen. Nicht zu verhindern, dass die Werte des Hauses, die seit 1949 im SPIEGEL-Statut auf solch eklatante Weise nachgewiesen wurden, weh tun, einen schmerzhaften Schmerz verursachen, und das wird nicht nur gesagt.

Wer das Atrium des SPIEGEL-Hauptsitzes am Ericusgraben in der Hamburger Hafencity betritt, steht an der gegenüberliegenden Wand dem Motto des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein gegenüber, in dem das journalistische Ideal des Hauses in seiner prägnantesten Form kondensiert: "Sag mir, was ist." Das war schon immer die Mission, und niemand sollte die silbernen Buchstaben als Wanddekoration oder journalistische Folklore betrachten. Sagen Sie, was heißt, in den Worten des Statuts von 1949: "Alle im SPIEGEL verarbeiteten und aufgezeichneten Nachrichten, Informationen, Fakten müssen unbedingt […] Korrekturen anwenden, die den SPIEGEL nicht zulassen." Das ist wahr. Es ist Pflicht. Wort für Wort.

Aus diesem Grund markiert der Fall von Relotius einen Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des SPIEGEL. Die selbst auferlegten Ziele wurden verfehlt, ihre eigenen Ansprüche weit unterschritten, alte Werte schaden, wie oft genau und in welcher Weise noch festgelegt wird. Der junge Redakteur, der den großen Reporter nachahmte, räumte am Sonntag sein Büro auf und kündigte am Montag seinen Vertrag.

Als Autor oder Co-Autor veröffentlichte er 55 Originaltexte im SPIEGEL, von denen drei in englischer Sprache in das digitale Angebot SPIEGEL International aufgenommen wurden und 18 auch in Sekundärverwertung digital verbreitet wurden. Dreimal schrieb Relotius Texte für SPIEGEL ONLINE und in insgesamt zehn, elf Jahren als Journalist veröffentlichte er auch in "Cicero", in der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag", der "Financial Times Germany" die "taz" ", die" Welt ", im" SZ-Magazin ", in der" Weltwoche ", auf TIME online, im" ZEIT Wissen "und in der" Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ". Relotius will auch für den britischen "Guardian" geschrieben haben, laut einer biographischen Selbstoffenbarung. Im Archiv von SPIEGEL gibt es keinen Beweis.

DER SPIEGEL entschuldigt sich bei allen, die im SPIEGEL mit falschen Zitaten erschienen sind, Details aus ihrem Leben erfunden haben, in imaginären Szenen, an fiktionalen Orten oder anderweitig in falschen Kontexten in Artikeln von Claas Relotius. Das Haus entschuldigt sich auch bei den Lesern, bei allen geschätzten Kollegen in der Branche, bei den Preiskomitees und Jurys, bei den Journalistenschulen, bei der Familie Rudolf Augsteins, bei Geschäftspartnern und Kunden. DER SPIEGEL wird eine Kommission ernennen, zu der auch externe Bedienstete gehören, um die Situation zu klären und ein erneutes Auftreten zu vermeiden. Sie können auch bei bester Absicht nicht ausgeschlossen werden. Der Journalismus ist wie alles andere von Heinrich von Kleist, der "Gebrechlichkeit der Welt", geliehen. Und selbst der Journalist wird immer unfähig sein und bleiben.

Einfache Abhilfe ist daher leicht zu fordern, aber nicht zu haben. Bereits heute wird jeder in SPIEGEL gedruckte Text parallel durch die Dokumentation verarbeitet, die alle Tatsachenaussagen auf ihre Richtigkeit überprüft. Als Claas Relotius im August 2014 "Home to Hell" schrieb, ist die Stadt Marianna in seiner ersten großen MIRROR-Story "eine gute Stunde westlich von Tallahassee" in Nordflorida, dann hat dies eine SPIEGEL-Dokumentation bestätigt ist genau der Fall richtig.

Wenn Relotius schreibt, dass die Kleinstadt "drei Kirchen, zwei Jagdvereine und eine kilometerlange Hauptstraße zwischen heruntergekommenen Flachbauten" zählt, wäre dies dank der vielen Möglichkeiten des Internets nachweisbar Hier können Sie die Recherche des Journalisten vor Ort durchführen. Seine Arbeit basiert auf einem Grundvertrauen, das ihm die Redaktion zu Hause schenkt. Der Dokumentarfilm von SPIEGEL ist in der Tat ein natürlicher Feind des Journalisten. SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein wollte das, aber er hilft auch, liefert, versucht Fehler zu vermeiden und arbeitet an demselben Produkt. Dass ein Kollege absichtlich betrügt, kann nicht Teil der journalistischen Alltagsprobleme sein. Die Regel ist das ehrliche Bemühen um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Betrug ist die Ausnahme. In Claas Relotius schmelzen alle Kugeln.

Er sagte letzten Donnerstag, "Home to Hell", die Geschichte eines schrecklichen Reformatoriums, das Kinder seit vielen Jahren quält, ist eine gut recherchierte Geschichte, in der mit Opfern und Zeugen gesprochen und vor Ort sauber vorgegangen wurde. Dasselbe sagt Relotius von "Gottes Diener", der im Februar 2015 in SPIEGEL veröffentlicht wurde. Der Text ist ein politisches Porträt des Gynäkologen Willie Parker, der der letzte Arzt im US-Bundesstaat Mississippi ist, der Abtreibungen durchführt. Aber kann das mit dem neuen Wissen von Relotius wahr sein? Beziehung zur Realität? Dass es im ganzen Bundesstaat Mississippi nur einen einzigen Arzt gibt, der die Abtreibung stoppen kann? Und dass dieser Arzt auch von Saul zu Paul gewechselt hat, weil er einmal Abtreibungsgegner war?

Fragwürdigkeit setzt ein, sobald man beginnt, sie zu suchen. Wer unschuldig liest, merkt das nicht weiter. Wer das Falsche sucht, spürt es bald überall. Es gehört zur Grundausstattung des Menschen, im Umgang mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit überraschend großzügig zu sein, solange kein Grund zum Zweifel besteht. Dann ist die Bereitschaft, selbst die unglaublichsten Geschichten als wahr zu glauben, solange sie plausibel erscheinen, grenzenlos. Dies war die Grundlage für den Erfolg von Claas Relotius. Und sein Elend wird jetzt im Unermesslichen wachsen, weil er am Ende kein einziges Wort für ihn, den Gefallenen, glauben wird.

Relotius arbeitet immer wieder mit Musik und musikalischen Zitaten in seinen Texten, kommt durch und die dazugehörigen Szenen sind oft mit faszinierender Perfektion gestaltet. Dann gibt es Sträflinge in Toiletten und plötzlich fangen sie an, Popsongs zu singen, oder ein verlorenes Kind geht mit einem traurigen Lied auf den Lippen eine dunkle Straße entlang. Die Musik erweitert den Assoziationsraum der Geschichten, sie werden in diesen Passagen überwältigend sinnlich, sie regen die Vorstellungskraft der Leserschaft an. Der Brief fühlt sich dann filmisch an, er fängt ein "Kino im Kopf" an, und diese Formulierung ist nicht zufällig einer der idiomatischen Redewendungen, die bei Journalistenauszeichnungen verwendet werden. Dasselbe hat Relotius immer wieder von seinen eigenen Texten gehört. Er hat sich nur offensichtlich dagegen entschieden, dass in diesem Kino nur Dokumentarfilme gezeigt werden dürfen. Der Journalismus muss im Gegensatz zu Literatur oder Filmen von A bis Z stimmen.

In "Gods Diener" spielt ein CD-Spieler leise im Flur der Abtreibungsklinik, der der das gleiche Lied von Tom Petty, "I Won t Back Down". Die Texte des Songs passen so perfekt in die Geschichte, dass man im Nachhinein sagen muss: Es ist zu schön, um wahr zu sein. Der gefangene Reporter sagte am Donnerstag, als er mit dem Auspacken anfing, zu einer bestimmten Nachfrage nach der Musik: Ja, wenn er in seinen Geschichten gesungen wird, dann hatte er sich das normalerweise ausgedacht. Aber stimmt das auch, wenn CD-Player leise spielen? Oder wenn irgendwo ein Radio mit einem passenden Lied läuft?

Als Redakteur, als Abteilungsleiter, der solche Texte frisch erhält, fühlt man nachher keine Zweifel, freut sich aber über die gute Ware. Es geht um eine Beurteilung nach technischen Kriterien, über Dramaturgie, über kohärente sprachliche Bilder, es geht nicht um die Frage: Stimmt das alles? Und dieser Relotius liefert immer hervorragende Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen. Relotius ist ein besonders wertvoller Mitarbeiter. Er schreibt nicht nur großes Zeug. Er beweist sein Talent, sein Engagement für den Beruf, Woche für Woche. Redaktionsdienstleistungen entfallen, sogar kleine Interviews, Texte für die SPIEGEL-Rubrik "Eine Botschaft und ihre Geschichte" in schneller Folge geschrieben. Das wöchentliche Format, das hinter der tieferen Wahrheit der kleinen, gemischten Nachrichten stehen soll, liegt bei ihm. Er kontrolliert das Formular. Mit einem Witz. Und Tempo.

1985 ist er jedoch angenehm unähnlich zu vielen seiner Altersgenossen, die oft mit starken Ideen und hohen Meinungen, insbesondere über ihre eigenen Fähigkeiten, zu SPIEGEL kommen, um Praktika und Praktika zu absolvieren. Relotius ist eine bescheidene Person, groß, zurückhaltend, höflich, aufmerksam, vielleicht etwas zu ernst. Insgesamt ein Typ, dessen Eltern ihr zu ihrem Sohn gratulieren möchten. In mündlichen Gesprächen scheint er eher schwach zu sein, aber er ist noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er im Frühjahr 2014 beim SPIEGEL ankommt. Ein neuer freiberuflicher Mitarbeiter, der große Hoffnungen weckt. Er hat immer noch kein Büro, keine Hauskarte, er arbeitet auf Honorarbasis und verdient es nicht, schlecht zu sein.

Freiberuflicher Journalist, der er ist, liefert auch andere Papiere zu dieser Zeit, aber der Spiegel bindet ihn im Laufe der Zeit näher an sich, er wird bald eine ordentliche Garantiegebühr erhalten und er wird liefern. Trägt zu Community-Teilen der Abteilung bei, liefert Botschaften, produziert zuverlässig, immer in sehr guter Qualität und er lernt schnell. Er macht sich dankbar Notizen, bearbeitet Verbesserungsvorschläge in perfekter Weise, er setzt ein, welche Abteilungsleiter ihm raten, sich mit Kollegen über seine und ihre Texte zu beraten. Er hilft neuen Praktikern beim Einstieg, er ist ein Kollege, der glücklich ist, im Büro zu sein.

Und von Zeit zu Zeit schwingt er den großen Hammer. Im April 2016 kündigte "Number 440" die aufsehenerregende Geschichte eines in Guantanamo unrechtmäßig inhaftierten Jemeniten an, der über 14 Jahre Folter und Einzelhaft so gefangen ist, dass er am Ende nicht freigelassen werden möchte. Nur drei Monate später, im Juli, wurde "Königskinder", der Relotius-Klassiker, bereits im Spiegel, der Geschichte zweier Waisenkinder aus Aleppo, prämiert, die als Kindersklaven in der Türkei enden.

Relotius sagt, mit "Nummer 440" gibt es Probleme mit falschen Nachrichten, mit "Königs Kindern" nicht. Aber das Kind von König fängt so an: "Eines frühen Morgens in diesem Sommer geht Alin, ein müde Augenmädchen, 13 Jahre alt, allein durch die noch dunklen Straßen der Stadt Mersin und singt ein Lied." Sie singt ein Lied, und wo gesungen wird, beginnt Relotius normalerweise mit dem Reich der Fantasie. Rückblickend wird dies deutlich, im Alltag bleibt es leicht unsichtbar, zwischen den Texten liegen oft Monate. In "Kings Kinder" heißt es weiter: "Sie geht in flackernden Sandalen durch die Fabrikgegend, vorbei an verfallenden Gebäuden, schlafenden Hunden und Laternen ohne Licht." Das Lied, das sie singt, handelt von zwei Kindern, es gab kein offenes Leben, und sie sollten gerettet werden, wenn sie das schrecklichste Leiden hatten. "

Man kann das sprachlich schön finden oder es für den Kitschpreis vorschlagen, man hätte fragen können, ob es in Syrien überhaupt so ein Kinderlied gibt. Aber selbst wenn nicht, wäre es dem Reporter schwer zu beweisen Fake: Als Relotius ein Kind traf, Ahmed der Bruder, gab es einen Fotografen, eine Art unabhängiger Zeuge: Das Bild des Mädchens Alin hingegen wurde von Relotius selbst aufgenommen, mit dem er alleine unterwegs war, ohne Fotografen Aber reicht das aus, um mit einer Fälschung zu beginnen? Relotius begleitet das Mädchen in seine unterirdische Nähwerkstatt, als könnte man einfach hinein- und herausgehen: Er steigt mit ihr in den schweißstillenden Keller über eine Treppe mit 15 Stufen hinab So heißt es: 15 Schritte, weil Relotius gelernt hat, dass genaue Zahlen die Glaubwürdigkeit des Schreibens erhöhen.

Aber vielleicht war es so: Vielleicht begleitete Relotius nicht nur eines, sondern auch das andere Kind, vielleicht sang und sagte das Mädchen alles damit er es schreiben kann n und berichten es mit gutem Gewissen. Aber wie solltest du ihm glauben? Ein Mann, der zugibt, dass er die innere Umwandlung des Guantanamo-Häftlings Mohammed Bwasir aus den Fingern gesaugt hat?

Er versteckte dies meisterhaft durch einen Trick der Kunst, indem er auf die Unmöglichkeit seiner eigenen Handlungen gesondert hinwies. Ganz vorne im Text steht schon ganz klar und deutlich: "Wer als Reporter nach Guantanamo, Mohammed Bwasir, dort nicht sehen kann, spricht nicht, aber es gibt Leute, die ihm eine Stimme geben." Dies sind laut Relotius: ein Anwalt, ein Bruder "im Jemen", ehemalige Zellengenossen, und es gibt Bestandsberichte, durchgesickerte geheime Akten, persönliche Briefe. Welchen Zugang hatte Relotius? Welche Papiere wusste er wirklich? Wie eng arbeitete der Anwalt mit ihm zusammen?





Unter anderem legt sein Text nahe, dass er die vielen vom Insassen geschriebenen Briefe, die auf Arabisch verfasst und von einem Rechtsanwalt des Anwalts übersetzt wurden, für seine Nachforschungen überprüft. Er fasst sie zusammen, er hält einen Vortrag, als ob er die gesamte Zusammenstellung überblicken würde: "Am Anfang erscheint das Wort" Zukunft "oft in seinen Nachrichten, zum Beispiel. Was weiß Relotius über den Anfang? der Mitte, etwa nach einem Zeitraum von 14 Jahren? Er weiß es nicht und gibt letzten Donnerstag zu, dass er sich die innere Verwandlung des Häftlings weitgehend vorgestellt hat, und er kann es nicht glauben, wenn er schreibt: live from inside Guantanamo: "Dann schalten Sie Soldiers ein, über vier Lautsprecher direkt neben seinem Kopf, Musik in, Bruce Springsteen," Geboren in den USA ". "

Im Februar 2017 erscheint" Lion Cubs "in SPIEGEL, einem verwirrenden, nicht nur in journalistischen Kreisen bekannten Text darüber, wie die" Islamic State "-Leute das Gehirn von zwei Brüdern im Alter von 12 und 13 Jahren waschen und an Kirkuk senden Selbstmordattentäter: Aus solchem ​​Material werden große Geschichten gemacht.

In solchen Texten zieht sich die Gegenwart einmal in ein lesbares Format ein, große Linien der Zeitgeschichte werden verständlich, und plötzlich wird das Große ganz menschlich verständlich Material als Reporter und wer Talent für Dramaturgie hat, kann Gold wie in einem Märchen ausspinnen. Relotius hat das Talent. Er erfindet das Material. Er präsentiert eine der besten Geschichten der letzten Jahre, ein Meisterwerk. Der Laudator Über den Peter-Scholl-Latour-Preis sagt Paul-Josef Raue, selbst seit Jahrzehnten im Zeitungsgeschäft tätig, er sei stolz darauf, Journalist zu sein, weil "Journalismus in diesem Bericht nicht besser sein kann".

Claas Relotius hat jeden geblendet. Chefredaktion, Abteilung Köpfe, Dokumentationen, Kollegen, Journalisten, Freunde und Freunde. In verschiedenen Jurys, Bischöfen und Unternehmern, Menschenrechtsaktivisten und Medienschaffenden haben Politiker und Gönner sich zu Recht über seine Texte gebeugt, und das zu Recht: Sie waren oft groß und schön. Aber in "Löwenbabys" führt er lange Gespräche mit ihm in den Mund des verhinderten Selbstmordattentäters Nadim, der als Mensch existiert, der aber niemals detailliert mit Relotius und Koranversen sprechen konnte, die ihm angeblich von IS-Leuten gelehrt wurden .

"Lion Cubs" ist ein besonders abstoßendes Beispiel für die Fälschung von Relotius. Die Figur des Arztes, auf die sich vieles stützt, ist nicht so. Und an den koranischen Passagen heißt es im Text: "Nadim hat keinen dieser Verse vergessen." Er sitzt in seiner Zelle, öffnet sie einzeln, schüchterne Kinder rezitieren Gedichte und schauen atemlos nach unten. "Sure 9, Vers 41: Geh raus, leicht und hart und eifersüchtig und gut auf Allahs Weg." So geht es weiter und weiter, es ist nur Sure auf Sura, und nichts davon ist wirklich passiert. außer im Kopf des Autors, der gerade eine neue Preishistorie erstellt.

Nur einen Monat später, Ende März 2017, erscheint im SPIEGEL "In einer kleinen Stadt" eine Momentaufnahme aus den Fergus Falls, Minnesota. Die Idee dahinter war, dass sie aus der Redaktion in Hamburg stammte, um die ersten Monate von US-Präsident Trump nicht nur aus europäischer Sicht von oben nach unten zu demonstrieren, sondern auch aus der Perspektive derjenigen zu betrachten, die dies hatten vermutlich den großen Donald gewählt: Amerikaner aus dem Land. Der Plan sah vor, dass Relotius in Fergus Falls mietete, Leute traf, zuhörte und ein kurzes Bild machte, das die Amerikaner besser verstehen würde.

Der Plan geht schief, und so etwas passiert im Journalismus ständig. Relotius findet keine Protagonisten, mit denen er etwas tun kann, er findet keinen Zugang zu der Substanz. Er schreibt E-Mails nach Hause, auch an Kollegen, dass er auf dem Schlauch steht und feststeckt. Er gerät in eine Situation, die jeder Reporter kennt: Es gibt einfach keine Geschichte, niemand kann gefunden werden. In solchen Fällen müssen schnelle Entscheidungen getroffen werden: Abbrechen oder fortfahren? Neustart oder Abreise? Suchen Sie einen neuen Aspekt oder gehen Sie nach Hause?

Beim SPIEGEL ist man bei dieser Entscheidung in seiner Entscheidung sehr frei. Kein Mitarbeiter muss Angst haben und schon gar nicht wie Relotius, dass er aufgrund einer zerrissenen Geschichte in Schwierigkeiten gerät. Alle Journalisten wissen, dass solche Dinge passieren, dass die Forschung fehlgeschlagen ist, dass selbst gute Stoffe nicht immer eine interessante Geschichte machen können, und dass manchmal Geld verbrannt wird, das eingespart werden könnte, und dass es ein Teil des Risikos ist.

Relotius Ich möchte das nicht akzeptieren. Über die Geschichte von Fergus Falls sagt er, dass er bereits weiß, dass er bei einem Abbruch nicht auf den Deckel gekommen wäre. "Ich denke", sagte Relotius letzte Woche, "eine normale Person würde sagen, hören Sie, Chef, das funktioniert hier nicht, ich stecke fest, wir können keine Geschichte schreiben." Aber Relotius zählt offensichtlich nicht zu den normalen Menschen. "Ich neige dazu, die Kontrolle zu haben", sagt er, "und ich habe diesen Drang, diesen Drang, es irgendwie zu schaffen, natürlich können Sie es nicht tun, Sie machen eine Fälschung." Wenn er an dieser Stelle "Mann" sagt, kann er nur sich selbst und keinem anderen glauben.

In seiner Geschichte über Fergus Falls gestaltet Relotius auf äußerst schmerzhafte Weise die Zeitgeschichte. Um einen herzlichen Auftakt zu haben, erzählt er uns, dass am Eingang des Dorfes direkt neben dem Willkommensschild ein zweites Schild aufgestellt wurde, "halb so hoch, aber kaum zu übersehen …" Auf diesem Schild, aus dickem Holz getrieben in den gefrorenen Boden, steht in großen, gemalten Buchstaben: "Mexikaner bleiben draußen" – Mexikaner, bleib weg. "

Der Schild, der der ganzen Geschichte den Grundton gibt, hat nie existiert, er hing nur herum in der Vorstellung des Autors. Trotzdem gab er die Erfindung an Hunderttausende von Lesern weiter. Und er beleidigte die Einwohner von Fergus Falls. Insgesamt gesehen scheint es so, dass Menschen, die keine Kinder mehr sind, ihm nichts sagen. Es gibt Ausnahmen, aber Relotius gibt den Bewohnern von Fergus Falls falsche Biografien nach Belieben, als wäre er ein Puppenspieler. Er geht auch mit grotesken Lügen einher, zum Beispiel, dass die Kinder der John F. Kennedy High School ihre Modelle für den amerikanischen Traum wie folgt bemalt haben: "Sie haben gemalt", schreibt Relotius, "kein einziges Bild einer Frau, die eine Klasse gemalt hat Barack Obama, zwei bemalte John D. Rockefeller, die meisten von Donald Trump: "Das alles ist eine Lüge, einfach alles, es ist Mist.

Glaubt Relotius am Ende an seine eigenen Erfindungen? Das bestreitet er. Er weiß, dass er fälscht, dass er betrügt, sagt er, und weil er wie er die größte denkbare Handwerkskiste aller Zeiten hat, sagt er das nicht. Mit Hilfe von Facebook, YouTube, Google, Wikipedia können Sie nun Welten und Communities entwerfen, die so real und wahr sind, dass sie aus Schnipseln bestehen, die tatsächlich auf der ganzen Welt wirklich und wahr sind. Relotius ordnet dieses Material an, gruppiert es um ein Thema, eine Figur, und er geht auch zu den Orten, manchmal sieht er Menschen, wenn auch nur flüchtig, und all diese Elemente verfärben sich wie auf einer Palette eines Malers. Er sagt, er habe es nicht getan es handelt sich um "Blind Date", eine Geschichte über einen FBI-Übersetzer, der sich in den deutschen IS-Kämpfer Denis Cuspert verliebt. Aber wo klingt das Thema wie erfunden, was wird auf die Details der Geschichte zutreffen? Nichts kann an dieser Stelle nachgewiesen werden. Es gibt Relotius-Anweisungen, es gibt zunächst zusätzliche Suchvorgänge. Es gibt Hinweise, die zum Beispiel deutlich machen, dass die SPIEGEL-Geschichte über Colin Kaepernick in weiten Teilen verfasst ist, die Geschichte über den Fußballstar, der während der Nationalhymne gegen den alltäglichen Rassismus in Amerika protestierte und arbeitslos wurde.

Als Relotius im Oktober 2017 über SPIEGEL die Geschichte "Touchdown" veröffentlicht, ist Kaepernick längst eine globale Ikone. Selbst Relotius kann ihn nicht erreichen. Aber er will es wieder "irgendwie schaffen" und anstatt hartnäckig an Ansätzen zu arbeiten, träumt er sich in Räume, die ihm verschlossen bleiben, in Fitnessstudios, zu denen er keinen Zugang hat, selbst in Telefongesprächen mit Kaepernicks Eltern . Die Einstiegsszene in der Geschichte ist so geschrieben, als ob Relotius in der ersten Reihe gesessen hätte, aber er war nicht dabei. Kaepernick, so heißt es, "sieht in den Gesichtern von drei Dutzend schwarzen Mädchen und Jungen, die vor ihm auf Stühlen sitzen, er hält lange an, wie einer, der die Wahrheit kennt, es aber nicht wagt, sie auszusprechen."

Und bald wandte sich Relotius auf wundersame Weise an Kaepernicks Eltern. "Sie zögerten, am Telefon über ihren Sohn zu sprechen, sie wollten ihm keine Probleme bereiten", sagen sie, aber sie wollen auch, dass die Leute ihn verstehen, schließlich weinen sie, manchmal lachen sie, die Mutter erzählt seine Geschichte. "Der Anruf trägt die ganze weitere Geschichte. Es hat nie stattgefunden. Kaepernicks Anwalt antwortet auf eine Anfrage per E-Mail, wenn mit der SPIEGEL-Geschichte etwas nicht stimmt, lakonisch: "Es gibt keine Grundlage." Relotius, der erst am vergangenen Donnerstag mit der Aussage dieses Anwalts konfrontiert wurde, gibt zu, dass er nicht mit seinen Eltern gesprochen hat. Zuvor hatte er im selben Gespräch das Gegenteil behauptet.

Es beginnt Claas Relotius & # 39; letztes Jahr als Journalistin im Jahr 2018. Im März erscheint "The Last Witness". Es ist ein grandioses Kammerspiel über eine Amerikanerin, die Zeugen von Hinrichtungen ist, weil das Gesetz die Anwesenheit gewöhnlicher Bürger vorschreibt. Die Frau befürwortet die Todesstrafe, daher hält sie es für ihre Pflicht, den Staat zu diesem Zeitpunkt zu unterstützen, und schreibt Relotius dramatische persönliche Erfahrungen, die ihr Verhalten weiter erklären. Relotius begleitet sie, sagt er, für die ganze Geschichte, die er an ihrer Seite zu sein scheint, sehr nahe. Es beginnt vor der Haustür, als sie ihr Zuhause in Joplin, Missouri, verlässt, "um einen Mann zu sehen, den sie nicht kennt." Sie schließt die Tür ab, dreht dreimal den Schlüssel und geht dann eine verlassene Straße entlang in Richtung. Sie bekommt ein Greyhound-Ticket für 141 US-Dollar nach Huntsville, Texas, und zurück. "

Es ist ein wahrhaft sensibles Porträt, das mit Sicherheit erzählt wurde. Der Reporter hatte offensichtlich viel Zeit mit seiner Protagonistin, die nicht ihren richtigen Namen hat. Wenn Sie die Zeitung lesen wollen, dann ist das was Sie können verstehen, dass Relotius es Gayle Gladdis nennt. «Sie setzt sich auf einen Sitz rechts vorne, bei langen Busfahrten, sagt sie, sie wird oft krank.» Oder: «Gladdis holt tief Luft und drückt Ihre Fäuste gegeneinander in ihrem Schoß, so fest, dass ihre Fingerknochen weiß hervortreten. "Oder:" Sie trägt eine Bluse und eine Halskette mit einem Kreuz, sie blättert durch ihre Bibel, sie liest so oft der Umschlag ist abgeflacht und die Seiten sind gewellt. "Sie öffnet das 3. Buch Moses, Kapitel 24, dort steht:" Wer irgendeinen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben. "

Passt alles perfekt. Stimmt nur nicht. Nichts davon. Claas Relotius hat in den USA keine Frau zu Hinrichtungen begleitet. Er ist nicht mit ihrem Bus gefahren, er hat nicht mit ihr im 3. Buch Mose geblättert. Er hat eine Geschichte erfunden, 40.273 Zeichen lang, fünf Seiten und eine Spalte in der SPIEGEL-Ausgabe 10/2018, Seite 58 bis 63. Das wohl für seine Verhältnisse, ein Rekord sein.

Wurde es schlimmer mit der Zeit ? Relotius hat es nicht so erlebt. Er beschreibt eine Mechanik, seit er als Journalist arbeitet, es war von Anfang an so. Wenn die Recherche gut laufe, wenn er interessante Leute findet, wie ein "normaler" Journalist, dann verändere er auch sein Material nicht, poliere nichts. Sagt Relotius. Man mag im Lichte der neuen Erkenntnisse berechtigte Zweifel haben.

Wenn es aber hake ist, sagt Relotius, wenn er nicht weiterkomme, wenn er nicht zu einer Geschichte kommt, dann beginne er zu fälschen. Dann schreibe er gefälschte Sätze hin und lasse sie stehen, so lächerlich, dass er während des Schreibens zu sich sagt: "Komm schon! Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!". Im Gespräch mit Relotius wirkt es so, als sei er nun, nachdem seine Welt eingestürzt ist, auf der Suche nach Metaphern für sich selbst. Er ist noch nicht fündig geworden.

Macht ihm, in den letzten Jahren, das Fälschen auch Spaß? Ein schöner, schöner Aufstieg, eine schöne Szene, ein Detail, wenn alles gut erfunden ist? Über solche Fragen schüttelt am letzten Donnerstag den Kopf. Er sagte, es ist sogar ekele vor sich selbst, wenn er fälsche. Das ist es le le tue, alles, dass sich zutiefst schäme. Dass mir nun erst bewusst wurde, war seine Umgebung angetan. Mit ihm stimme etwas nicht, sagt Claas Relotius. "Ich bin krank und ich muss mir jetzt helfen lassen."

Er schreibt noch "Ein Kinderspiel", sein vorletztes Werk, am 3. Dezember, am 3. Dezember, mit dem Deutschen Reporterpreis 2018 des Jahres. Der Text über einen Jungen, einen Anti-Assad-Graffito an einem Wand in Daraa sprühte und so womöglich eine Massenbewegung verloren, erscheint im SPIEGEL am 23. Juni 2018. Es ist nur, leider, wie viele andere Arbeiten aus Relotius & # 39 ; Manufaktur, ein fantasievolles Machwerk. Die Fakten der Fantasie trennen, schwer, die Fragen danach, mit wem, wie oft, wie oft, wie alle diese Informationen angezeigt wurden möglich gewesen sein.

Relotius wird nicht ins Detail gehen, dem Augenschein nach: aus Scham. Er gibt pauschal zu, dass es etwa die Führungen per Handyvideo durch eine zerstörte Stadt nie gegeben hat. Er gibt zu, dass die Dramaturgie des Textes (es wechseln sich Erzählpassagen mit scheinbaren Wortprotokollen ab), insofern gefälscht ist, als dass es so viele Protokollabsätze, Wortlaute des Protagonisten gar nicht gab im Material, dass sie deshalb von ihm, Relotius, erfunden oder aus sehr wenigen Zitaten konstruiert wurden. Er zeigt am Donnerstag Stellen im Text, die gefälscht sind, aber ohne Genauigkeit, eher wischte er über Absätze hin.

Bleibt noch "Jaegers Grenze", wo die Geschichte von Claas Relotius als Journalist vorerst endet. Man kann das Davor und Danach sehr lang oder sehr kurz erzählen, entscheidend ist das Ergebnis: Dass im Zuge dieser Textarbeit und ihrer Veröffentlichung im SPIEGEL ein großer Spuk zu Ende geht, den Claas Relotius ungehindert viel zu lange aufführen konnte. Es ist Juan Moreno, der gegen alle Widerstände nicht locker lässt, recherchiert, antreibt, und an seine Fakten glaubt. Leicht ist das nicht für ihn. Anfangs rennt er gegen Wände, wie ein Whistleblower, dem erst nicht geglaubt wird, weil seine Wahrheiten so unbequem sind. Und weil der Beschuldigte so unverdächtig wirkt und so unbescholten ist.

Die Entstehungsgeschichte von "Jaegers Grenze" ist ein kleiner Roman für sich. Im Verlauf der Recherche, die Claas Relotius in die USA führt, während Juan Moreno im Süden der amerikanisch-mexikanischen Grenze unterwegs ist, entstehen bereits viele Verwerfungen, die anschließend dazu beitragen, dass die Vorwürfe nicht schneller ernst genommen und aufgeklärt werden. Auch wird Relotius im November aktiv, um sein falsches Tun mit krimineller Energie zu bemänteln. Er fingert in E-Mails herum, er verschickt irreführende Screenshots von Facebook-Seiten. Am Ende wird er doch von den Beweisen erdrückt, die Moreno gegen ihn versammelt.

Es geht erst um simple Dinge, um Namen von Figuren, die in "Jaegers Grenze" auftauchen, um ihre Biographien, um Identitäten. Es geht darum, schon nicht mehr so simpel, dass sich Vieles, was Relotius in seinem Textteil über seine Tage mit einer Bürgerwehr erzählt, sehr ähnlich liest in einer sehr langen Reportage, die der Investigativreporter Shane Bauer für das Magazin "Mother Jones" geschrieben hat. Vieles andere liest sich freilich auch völlig anders. Aber die Hauptfiguren der SPIEGEL-Bürgerwehr nennen sich Jaeger, Pain, Ghost, Spartan – so heißen auch die Hauptfiguren der "Mother-Jones"-Geschichte. Kann das ein verrückter Zufall sein? Und warum heißt der Mann in Camouflage, von dem der SPIEGEL ein Foto druckt, Chris Jaeger – und nicht Chris Maloof, wie in der "New York Times", wo das gleiche Foto schon Ende 2016 erschienen war? Was geht hier vor?

Relotius fertigt ein Manuskript mit dem Arbeitstitel "Showdown", Moreno ist damit sehr unglücklich. Am Abend vor Drucklegung sieht er die Geschichte samt Layout und stolpert gleich über die Bilder. Der Artikel ist illustriert unter anderem mit einem Foto von Tim Foley, dem Bürgerwehr-Chef aus Arizona, der im Text nicht weiter vorkommt. Vor allem wundert sich Moreno, dass Relotius so beharrlich behauptet hatte, die Bürgerwehr, die er angeblich infiltrieren konnte, weigere sich, fotografiert oder gefilmt zu werden. Dieser Foley ist aber eine recht öffentliche Figur, er taucht im preisgekrönten Dokumentarfilm "Cartel Land" auf und lebt unter anderem davon, Journalisten und Touristen gegen Geld an der Grenze entlang zu führen und sie eintauchen zu lassen ins Milieu der Bürgerwehren. Was ist da los?

Moreno schreibt eine E-Mail an die Dokumentation und fragt nach, er macht Kollegen gegenüber bald Andeutungen über womöglich faule Stellen, aber er hat noch nichts Substanzielles in der Hand. Er sucht nach Hinweisen im Internet. Tags darauf, am Donnerstag, 15. November, Tag der Drucklegung, telefoniert er mit einem Dokumentar. Sie tauschen sich aus über die Geschichte, Moreno äußert seine Zweifel. Sie sprechen darüber, dass die Protagonisten des Textes bereits in anderen, älteren Quellen aufgetaucht sind, das Gespräch endet aber für beide Seiten nicht mit dem Gefühl, dass es einen Grund gäbe zu der Annahme einer vorsätzlichen Täuschung, keinen Grund mithin, der es rechtfertigen würde, die Geschichte womöglich noch zu stoppen.

Am Freitag abend, der Text liegt nun gedruckt vor im neuen SPIEGEL, der tags darauf ausgeliefert wird, redet Moreno mit seiner Ressortleitung, mit dem Gesellschaftschef Matthias Geyer, und informiert ihn darüber, dass er glaube, der Text enthalte Fälschungen. Geyer fordert ihn auf, seine Vorwürfe schriftlich zu fixieren. Am Sonntag schickt Moreno einen ersten Katalog von drei Fragen, in denen es um Foleys Foto und andere Elemente des Textes geht. Relotius wird mit diesen Fragen konfrontiert. Er verteidigt sich auf ebenso brillante wie verschlagene Weise. So eloquent antwortet er auf die Vorwürfe, und er gibt auf so perfekte Weise auch Imperfektionen in seiner Arbeit zu, dass plötzlich Moreno wieder wie ein Stänkerer aussieht. Er geht durch tiefe Täler damals, ohne eigenes Verschulden.

Moreno nutzt eine Recherchereise in die USA, um noch mehr Material gegen Relotius zu sammeln, vor allem aber, um sich selbst zu schützen. Ihn treibt der unterträgliche Gedanke um, dass sein eigener Name über einer Geschichte steht, die er für unwahr hält in weiten Teilen. Für das SPIEGEL-Sportressort beginnt er mit der Arbeit an einer Reportage über den Boxer Floyd Mayweather, den bestbezahlten Sportler aller Zeiten. Mit an Bord ist der Münchner Fotograf Mirco Taliercio, der bei der Vermittlung eines Treffens mit Mayweather geholfen hat, Moreno und Taliercio sind gut befreundet.

Deshalb nimmt ihn Moreno auch auf den geheimen zweiten Teil seiner Reise mit: Er möchte Tim Foley besuchen, den Chef der Bürgerwehr Arizona Border Recon, und vielleicht auch Chris Maloof finden, den Mann in Tarnkleidung, der im SPIEGEL Jaeger heißt. Da beide in der SPIEGEL-Geschichte auftauchen, muss Claas Relotius mit beiden Kontakt gehabt haben, jedenfalls dann, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Mit Jaeger/Maloof will er schließlich ganze Tage und Nächte in der Wüste verbracht haben, wenn sich der Amerikaner daran nicht erinnert, wäre das mehr als merkwürdig. Moreno gelingt es, zu Foley Kontakt herzustellen. Über ihn wird er auch Maloof treffen können.

Moreno und der Fotograf Taliercio kommen aus Las Vegas, sie fahren 770 Kilometer im Auto nach Arivaca, Arizona, wo Bürgerwehrler Foley alias Nailer gegen eine Gebühr von 200 Dollar mit ihnen zu sprechen bereit ist. Moreno zeigt Foley ein Bild von Relotius. Es gibt ein Video davon, und es ist für jeden erschütternd, der bis dahin geglaubt haben mag, Claas Relotius sei nichts als der zuverlässige, freundliche Mensch, als den man ihn die längste Zeit zu kennen glaubte. Der Amerikaner sagt, klipp und klar, er habe diesen Deutschen noch nie in seinem Leben gesehen.

Die Szene wiederholt sich wenige Tage später an anderem Ort, in anderer Besetzung. Es ist der 4. Dezember, Relotius hat tags zuvor die E-Mail von Janet Foley und den Reporterpreis erhalten für "Ein Kinderspiel". Nun sitzt in Arizona ein bärtiger Mann vor einer Videokamera, der der Chris Jaeger aus dem SPIEGEL sein sollte und sich hier Chris Maloof nennt. Er zeigt sogar seinen Personalausweis zum Beweis. Er wirkt ruhig und entspannt.

Er bekommt Relotius' Foto gezeigt und sagt, noch überzeugender als zuvor Foley: "Ich habe diesen Mann noch nie im Leben gesehen." Relotius hat trotzdem über ihn geschrieben, oder über Teile von ihm. Es heißt zum Beispiel, er trage die Worte "Strength" und "Pride" auf seine Handrücken tätowiert. Aber Maloofs Hände sind nicht tätowiert. Maloof ist nicht Jaeger. Es gibt Jaeger nicht. Und Relotius ist weder dem einen noch dem anderen begegnet.

Es ist alles nur ein Arrangieren von Rohmaterial, vor allem fremdes, das ist die eigentliche Methode Relotius.

Er bedient sich aus Bildern, aus Facebook-Posts, YouTube-Videos, er fleddert alte Zeitungen, entlegene Blogs, und aus den Teilen und Splittern und Fetzen und Krümeln erschafft er seine Kreaturen wie ein verspielter kleiner Gott. Chris Jaeger, Gayle Gladdis, Neil Becker aus Fergus Falls, Nadim und Khalid in Kirkuk, Ahmed und Alin aus Aleppo, Mohammed Bwasir aus Guantanamo, sie sind keine Menschen aus Fleisch und Blut, sie leben nur auf dem Papier, und ihr Schöpfer heißt Claas Relotius. Manchmal lässt er sie singen, manchmal weinen, manchmal beten. Und wenn es ihm gefällt, wie in "Jaegers Grenze", dann lässt er seine Hauptfigur auch einmal schießen, mit einem Sturmgewehr, mit scharfer Munition, in die Nacht hinein, einfach so, und weil es an den Schluss seines Märchens gerade so gut passte.


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